Anschnallen, es wird ruckelig

Juni 2018 – Die Automobilbranche durchlebt eine Zeitenwende – und damit auch der europäische Kfz-Aftermarket. Das Werkstatt- und Servicegeschäft wandelt sich radikal. Wettbewerber mit neuen, digitalen Geschäftsmodellen sagen den etablierten Anbietern den Kampf an. Wie sich die Branche verändert und welche Unternehmen aus der massiven Konsolidierung letztlich als Gewinner herausgehen, beleuchten Roland Berger und die HSH Nordbank in einer neuen Studienreihe. Das Erstlingswerk liegt jetzt vor. In den nächsten Monaten folgen drei weitere Detailstudien.

Dachdecker und vorausschauende Hauseigentümer wissen: Das Dach muss dann repariert werden, wenn die Sonne noch scheint. Setzt der Regen ein, ist es meist zu spät für trockene Füße. In einer vergleichbaren Situation befindet sich heute der europäische Kfz-Aftermarket. Dieser umfasst, kurz gesagt, alle Services und Produkte rund um das Automobil, wenn dieses vom Hersteller an den Kunden ausgeliefert wurde – allen voran Werkstätten, Reifenhändler sowie deren Zwischen- und Großhändler.

Aktuell fahren oder stehen auf Europas Straßen rund 480 Millionen Personenkraftwagen und gut 80 Millionen Nutzfahrzeuge. Die Herstellung und Distribution von Ersatzteilen sowie die Wartung und Reparatur von Autos summieren sich in Europa heute auf ein Marktvolumen von rund 248 Milliarden Euro.

Ein erster schneller Blick auf die Marktdaten lässt vermuten: alles bestens, eine florierende Branche. Aktuell fahren oder stehen auf Europas Straßen rund 480 Millionen Personenkraftwagen und gut 80 Millionen Nutzfahrzeuge. Bis 2022 werden in den Staaten der Europäischen Union, in Russland und in der Türkei voraussichtlich 604 Millionen Fahrzeuge zugelassen sein. Zwei von drei Fahrzeugen sind älter als vier Jahre – gute Kunde für die Hersteller von Ersatzteilen oder Werkstätten. Die Herstellung und Distribution von Ersatzteilen sowie die Wartung und Reparatur von Autos summieren sich in Europa heute auf ein Marktvolumen von rund 248 Milliarden Euro. Auch mittelfristig winken stabile Wachstumsraten von rund einem Prozent jährlich bis zum Jahr 2025.

Wachsender Fahrzeugbestand ...

Treiber des Kfz-Aftermarket weiterhin auf hohem Niveau

Wachsender Fahrzeugbestand ...

Quelle: Roland Berger/HSH Nordbank

Gewaltige Konsolidierungswelle

Alles im Lot also? Mitnichten, geht jetzt aus der Auftaktstudie „Konsolidierung im europäischen Kfz-Aftermarket“ von Roland Berger und HSH Nordbank hervor. Darin skizzieren die Verfasser, wie sich die Branche gerade transformiert und Übernahmen sowie die Digitalisierung die Wettbewerbslandschaft fundamental verändern. In den nächsten Monaten folgen drei Studien zu den Detailaspekten Merger & Acquisition, Erfolgsfaktoren aus der Kundenperspektive sowie zum Reifenhandel.

Die vier Megatrends Mobilität, autonomes Fahren, Digitalisierung und Elektrifizierung revolutionieren nicht nur die Auto­mo­bil­in­dus­trie, sondern mit etwas Zeitverzug auch den Kfz-Aftermarket.

Hinter der scheinbar beruhigenden Fassade des allgemeinen Marktwachstums hat sich seit 2012 im europäischen Kfz-Aftermarket „eine Konsolidierungswelle aufgebaut, die ihren Scheitelpunkt längst noch nicht erreicht hat“.
„In den nächsten zehn bis 15 Jahren erwarte ich eine Disruption in der Branche“, sagt Jens Thiele, Leiter Handelskunden bei der HSH Nordbank und Mitverfasser der Studien.

Die vier Megatrends Mobilität, autonomes Fahren, Digitalisierung und Elektrifizierung – kurz „MADE“ – revolutionieren nicht nur die Automobilindustrie, sondern mit etwas Zeitverzug auch den Kfz-Aftermarket. Hinsichtlich der „Mobilität“ machen die Studienautoren teils sogar Mut: „Durch Carsharing und andere Konzepte von Shared Mobility ist absehbar, dass der Fahrzeugbestand insgesamt langfristig schrumpft. Allerdings werden die Nutzungsintensität des einzelnen Fahrzeugs und die Ausgaben pro Auto zunehmen – was sich positiv auf den Kfz-Aftermarket auswirken wird.“ Der Trend hin zum autonomen Fahren wird gerade den Werkstätten dagegen weniger schmecken: „Es ist zu erwarten, dass autonomes Fahren die Unfallzahlen reduzieren wird. Auch wenn mit höheren Kosten für die Reparatur zu rechnen ist, wird der Nettoeffekt auf den zukünftigen Aftermarket eher negativ ausfallen.“ Die zunehmende Zahl an „Konnektivitätslösungen und anderen Lösungen“ wird nach Meinung der Studienautoren positive Impulse haben, in erster Linie aber für die Automobilhersteller selbst. Ebenso zwiegespalten blicken viele Marktteilnehmer im Kfz-Aftermarket auf den vierten Buchstabe von „MADE“, das „E“ für Elektrifizierung. Hierzu heißt es in der Studie: „Die Folgen der Elektrifizierung werden ambivalent ausfallen. Einerseits wird die Elektrifizierung der Fahrzeuge die Nachfrage nach Wartung und Instandhaltung reduzieren; andererseits eröffnen Reparaturen für Batterien neue Umsatzmöglichkeiten.“

„In den nächsten zehn bis 15 Jahren erwarte ich eine Disruption in der Branche.“

Jens Thiele, Leiter Handelskunden bei der HSH Nordbank

Die Vereinigten Staaten als Blaupause?

Wer den Kfz-Aftermarket aufmerksam verfolgt, registriert schon jetzt die Verschiebungen der Kräfteverhältnisse. Groß schluckt Mittel, Mittel schluckt Klein. „Zahlreiche Übernahmen verändern die Wettbewerbslandschaft und haben einen tiefgehenden Strukturwandel angestoßen“, sagt Thiele. Auch Roland Berger-Partner Alexander Brenner ist überzeugt: „Die Spielregeln im Aftermarket werden neu geschrieben.“

Doch die eigentliche Marktrevolution steht nach Thieles Prognose erst noch bevor, der europäische Markt ist nach wie vor stark fragmentiert. Experte Thiele prophezeit für die fernere Zukunft US-amerikanische Verhältnisse: „Die führenden drei Akteure halten in Europa einen Marktanteil von rund 15 Prozent. In den USA dominieren die Top-Drei-Player dagegen bereits rund 50 Prozent des Markts.“

„Die Spielregeln im Aftermarket werden neu geschrieben.“

Alexander Brenner, Roland Berger Partner

Neue Player haben sich zwischen Werkstätten und Teilehändler einerseits sowie Endkunden andererseits gedrängt.

Vor allem die vielen freien Werkstätten und unabhängigen Teilehändler geraten unter Druck. Besonders weil sich in den vergangenen Jahren neue Player zwischen Werkstätten und Teilehändler einerseits sowie Endkunden andererseits gedrängt haben: Zu diesen „Intermediaries“ im Kfz-Aftermarket gehören Versicherungen, Automobilclubs und Onlineplattformen. Thiele: „Diese Spieler sind bestrebt, die Kundenschnittstelle zwischen Werkstatt und Endkunden zu besetzen.“ Wer etwa als Kunde bestimmter Versicherer wie HUK Coburg, Allianz oder R+V einen Teil- oder Vollkaskoschaden meldet, darf den Schaden anschließend meist nur noch in bestimmten, assoziierten Partnerwerkstätten ausbeulen lassen. Dafür gibt es entsprechende Vergünstigungen bei der Versicherungsprämie. Freie Werkstätten gehen bei diesen Reparaturaufträgen zunehmend leer aus.

Transparenz drückt auf die Margen

Auch der Onlinehandel wird den Konzentrationsprozess weiter verstärken. Der Markt wird auf diese Weise transparenter, zugleich sinken aber die Marktmacht und damit auch die Margen der Etablierten. Aktuell werden nur gut zehn bis zwölf Prozent aller Teile im Independent Aftermarket (IAM) über Onlinekanäle geordert. Privatkunden kaufen online bisher meist nur Kleinteile wie Wischblätter, Batterien oder Glühbirnen – doch das kann sich ändern. Vor allem die bestehenden Ineffizienzen des Markts laden neue, digitale Wettbewerber regelrecht ein. Die Marktanalysten von Roland Berger und HSH Nordbank sind bei ihren Recherchen wiederholt auf Preisunterschiede von 30 bis 50 Prozent für ein und dasselbe Ersatzteil gestoßen. E-Commerce-Anbieter wie Fairgarage oder das Werkstättennetzwerk Caroobi nutzen das für sich aus und locken Kunden im B2C- und B2B-Segment mit Preistransparenz und niedrigeren Kosten. „Das wird durch das Überspringen einzelner Zwischenstufen möglich“, urteilt Thiele.

„Zurzeit ist sehr viel Dynamik im Spiel. Das Übernahmekarussell kommt in Fahrt und dreht sich immer schneller.“

Jens Thiele, Leiter Handel im Bereich Unternehmenskunden der HSH Nordbank

Als Folge der tektonischen Verschiebungen am Kfz-Aftermarket nimmt das M&A-Geschäft zunehmend Fahrt auf: Mehr als 20 bedeutende Übernahmen oder Zusammenschlüsse gab es in den vergangenen fünf Jahren europaweit. So erwarb etwa der US-Teilegroßhändler LKQ Ende 2017, vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehörden, für knapp 1,5 Milliarden Euro die Stahlgruber GmbH aus der Nähe von München. Kurz danach stieg ein weiterer US-Gigant im großen Stil in den europäischen Markt ein: Genuine Parts Company, Anbieter von Kfz-Ersatzteilen, kaufte dem Finanzinvestor Blackstone die Anteile an der Alliance Automotive Group ab, dem nach eigenen Angaben zweitgrößten Anbieter von Kfz-Teilen, Werkzeugen und Werkstattausrüstung in Europa. „Zurzeit ist sehr viel Dynamik im Spiel. Das Übernahmekarussell kommt in Fahrt und dreht sich immer schneller“, beschriebt Thiele.

„Einzelkämpfer unterhalb einer kritischen Größe werden es schwer haben, die Konsolidierungswelle im Kfz-Aftermarket unbeschadet zu überstehen“, meint Alexander Brenner von Roland Berger. „Ohne Zusammenschluss mit einem größeren Akteur werden viele kleine Teilegroßhändler nicht überleben. Über 200 Insolvenzfälle in Deutschland alleine zwischen 2013 und 2017 sprechen eine deutliche Sprache.“

... und stolzes Alter treiben den Kfz-Aftermarket in Europa

Durchschnittliches Fahrzeugalter in Jahren

... und stolzes Alter treiben den Kfz-Aftermarket in Europa

Quelle: Roland Berger/HSH Nordbank

Größe allein ist nach den Worten von Jens Thiele von der HSH Nordbank dennoch nur die notwendige Bedingung für den Markterfolg von morgen. Dazu kommt als hinreichende Bedingung, dass Käufe und Übernahmen auch strategisch Sinn ergeben und gut gemanagt werden müssen. 1 plus 1 ergibt in der betriebswirtschaftlichen Praxis nicht zwingend 2 oder gar mehr. Viele Unternehmen, so hat Thiele in den vergangenen Jahren beobachtet, haben nach Übernahmen kräftig mit der Integration und damit einhergehenden Umsatz- und Ertragsdellen zu kämpfen. Sein Rat lautet daher: „Um zu den Siegern zu gehören, sollten Unternehmen sich jetzt intensiv mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen.“ Dazu gehörten Aspekte wie eine gute Kenntnis von Kunden und Wettbewerbern, aber auch das Hinterfragen der eigenen Position am Markt, der durch das Aufkommen neuer Wettbewerber und neuer digitaler Geschäftsmodelle komplett transparent wird.

Der Bereich Unter­nehmens­kunden der HSH Nord­bank