Hauptsache Gesundheit

Ob Facharztpraxis, Apotheke oder städtische Klinik, ob Pharmagigant oder Biotech-Start-up: Die Gesundheitswirtschaft zählt zu den wichtigsten deutschen Wirtschaftszweigen und wächst überdies seit Jahren stärker als die Gesamtökonomie. Doch bei aller Dynamik steht die Branche auch vor großen Herausforderungen und Umbrüchen. Besonders der Investitions­bedarf in Sachen Digitalisierung ist immens.

Die extreme Grippewelle zum Jahresbeginn 2018 hat es mal wieder bestätigt: Ohne Ge­sund­heit ist alles nichts. Noch vor „Familie“ und „Karriere“ ist „Gesundheit“ für die Deut­schen das höchste Gut, hat auch eine Forsa-Umfrage vom Mai vergangenen Jahres gezeigt. Und das lassen sich die Bundesbürger zu­neh­mend etwas kosten. Neben den Beiträgen für ihre gesetzlichen Krankenkassen oder privaten Versicherungsschutz geben sie mehr und mehr Geld für ärztliche Zusatz­be­handlungen, frei ver­käufliche Arznei­mittel, Rücken­massagen oder Gesundheitsreisen aus. 2016 ent­stand be­reits jeder vierte Euro des Ge­samt­kon­sums der Ge­sund­heits­wirt­schaft von 432 Mil­li­ar­den Euro in diesem so­ge­nannten Zweiten Markt – in Ab­grenzung zum Ersten Markt der Ge­sund­heits­wirt­schaft, der die Leistungen und Güter umfasst, die durch die Krankenkassen finanziert werden. Das ergab die Studie „Ge­sund­heits­wirt­schaft. Fakten & Zahlen 2016“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Mit einer Bruttowertschöpfung von fast 340 Mrd. Euro ist die Branche fast so gross wie das Bruttoinlandsprodukt Österreichs

Entwicklung der Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft und ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft

Mit einer Bruttowertschöpfung von fast 340 Mrd. Euro ist die Branche fast so gross wie das Bruttoinlandsprodukt Österreichs


Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, „Gesundheitswirtschaft. Fakten & Zahlen Ausgabe 2016“

Allein die Tatsache, dass sich das Bundes­wirt­schafts­ministerium regelmäßig in aufwändigen Studien mit der Gesund­heits­branche beschäftigt, zeigt deren überragende Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft. Die von der Gesund­heits­wirtschaft 2016 erzeugte Brutto­wert­schöpfung betrug rund zwölf Prozent des gesamten Brutto­in­lands­pro­dukts – das war im Schnitt jeder achte Euro. Die Brutto­wert­schöpfung von beinah 340 Mil­li­ar­den Euro im Jahr 2016 war fast so groß wie das Bruttoinlandsprodukt unseres Nachbarlandes Österreich. Vor allem die Wachs­tums­dynamik überzeugt: Seit 2005 ist die Branche Jahr für Jahr nominal gewachsen – selbst in den allgemeinen Krisenjahren 2008/2009. Die rund 1.900 Kranken­häuser tragen daran genauso ihren Anteil wie die rund 100.000 Arztpraxen, 20.000 Apotheken, rund 27.000 Pflege­einrichtungen sowie die zahlreichen mittel­ständischen Unter­nehmen und Konzerne im Bereich Pharma, Medizin­technik und Biotech. Rund 48 Mil­li­ar­den Euro setzte die deutsche pharma­zeutische Industrie 2016 um, die Medizintechnik-Unternehmen kamen auf einen Gesamtumsatz von mehr als 28 Mil­li­ar­den Euro, die wachsende Bio­technologie­branche setzte bereits weit mehr als drei Milliarden Euro um, errechneten die Statistiker des Bundes­ministeriums für Wirtschaft und Energie.

Arbeitgeber für sieben Millionen Menschen

Arbeitgeber für sieben Millionen Menschen

Diese Zahlen machen eines deutlich: Die Ge­sund­heits­wirt­schaft ist nicht nur ein er­heb­licher Kosten­faktor, auf den sich die öffentliche Be­richt­er­stattung angesichts von steigenden Sozial­abgaben und ex­plo­dieren­den Be­hand­lungs­kosten allzu sehr verengt. Eine gute Ge­sund­heits­ver­sor­gung hat immer auch einen großen volks­wirt­schaft­lichen Nutzen. Längst ist die Gesund­heits­wirt­schaft Arbeitgeber für rund sieben Millionen Menschen hierzulande – vom Forscher im Pharmalabor über die Hel­ferin in der Arzt­praxis bis hin zum Phy­sio­thera­peu­ten im Well­ness­hotel. „Ein Gesund­heits­system mit guter medizinischer Akut­ver­sor­gung und einem aus­gebauten Re­ha­bi­li­ta­tions­wesen ist von zentraler Bedeutung für die Wirtschaft insgesamt. Es trägt wesentlich dazu bei, dass die Er­werbs­fähig­keit und Produktivität der Er­werbs­tä­ti­gen erhalten bleibt und die Menschen selbst aus eigener Kraft für ihren Unter­halt sorgen können. Investitionen in die Ge­sund­heit der Menschen sind deshalb ein wichtiger Beitrag zu Wachstum, Beschäftigung und Wohl­stand“, heißt es im jüngsten Sektor­bericht des Bundes­minis­te­riums für Wirtschaft und Energie.

„Die Digitalisierung beschleunigt den Umbruch im System Gesundheitswirtschaft. Der technische Fortschritt bringt bisher unbekannte Behandlungsmethoden und neue wirtschaftliche Chancen.“

Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der HSH Nordbank

Radikale Umbrüche zu erwarten

Radikale Umbrüche zu erwarten

Die Gründe für den seit Jahren anhaltenden Boom in der Gesundheitswirtschaft sind schnell aufgezählt: gestiegene Lebens­er­war­tung, das zunehmende Gesund­heits­be­wusst­sein der Deutschen, neue medizinische Mög­lich­keiten sowie eine gute Präsenz der deutschen Exportunternehmen auf den internationalen Gesundheitsmärkten. „Gleich­zei­tig je­doch er­lebt das System Ge­sund­heits­wirt­schaft, nicht zuletzt durch die Digi­ta­li­sie­rung und das The­ma E-Health, einen radikalen Umbruch“, sagt Thomas Miller, Executive Director Research bei der HSH Nordbank. Miller ist Autor der im August 2017 veröffentlichten „Branchenstudie Gesundheitswirtschaft“ der HSH Nordbank. Die Bank ist einer der führenden Finanzierer von Gesundheit in Deutschland – mit einem Bestandsgeschäft von 1,2 Milliarden Euro und einem Neugeschäft von gut 450 Millionen Euro allein im vergangenen Jahr.

„Wir sehen den Gesundheitssektor weiterhin als Wachstumsmotor für die deutsche Wirt­schaft“, sagt Miller. Über­durch­schnitt­liche Jahres­raten zwischen drei und vier Prozent Wachstum seien realistisch. „Natürlich gibt es auch in dieser Branche Herausforderungen. Wir brauchen mehr Innovationen, sonst drohen deutsche Un­ter­neh­men den An­schluss zu verlieren, insbesondere an die USA. Dazu sind Investitionen notwendig. Das gilt für alle Sektoren, aber insbesondere für Krankenhäuser“, erklärt Miller. Dazu kommt nach seinen Worten, dass ab Mitte dieses Jahres eine Infrastruktur für den sicheren digitalen Datenaustausch zwischen den Sektoren entstehen wird. „Das ist ein großer Fortschritt, aber um daran teilnehmen zu können, müssen Leistungserbringer investieren.“ Und Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der HSH Nordbank, sagt: „Die Digi­ta­li­sie­rung be­schleu­nigt den Umbruch im System Gesund­heits­wirt­schaft. Der tech­nische Fort­schritt bringt bisher un­bekannte Be­hand­lungs­metho­den und neue wirtschaftliche Chancen“, allerdings, so von Korff, durch Spe­zia­li­sie­rung und Ver­netzung verschieben sich zahl­rei­che Rollen und Per­spek­tiven in diesem Wachstumsmarkt.

„Die Digitalisierung im Gesundheitswesen bietet enorme Chancen.“

Arthur Kaindl, General Manager Digital Health Services bei Siemens Healthineers

Investitionen avancieren damit zum zentralen Thema der nächsten Jahre in der Branche – und werden der entscheidende Faktor für den weiteren Markterfolg. Doch die Summen, um die es geht, sind erheblich. Nach Berechnungen der HSH Nordbank muss ein durch­schnitt­liches Krankenhaus knapp 20 Millionen Euro für E-Health-Investitionen kalkulieren – viel Geld für manche Klinik, die bereits jetzt mit dem Rücken zur Wand steht. Für Arzt- und Zahnarztpraxen ergeben sich im Schnitt di­gi­ta­le In­ves­ti­tions­kos­ten von etwa 250.000 Euro.

„Für einige Praxen oder Krankenhäuser sind die erforderlichen Investitionen nicht fi­nan­zier­bar. Für sie beginnt ein Teufelskreis – weniger Einnahmen durch sinkende Marktanteile, weiter schwin­den­der fi­nan­ziel­ler Spiel­raum und somit weniger Chancen auf Mo­der­ni­sie­rung. Das ist die Schattenseite der schönen neuen Welt“, warnt Miller.

„Der Patient ist der Treiber für den digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen.“

Max Müller, Chief Strategy Officer bei DocMorris

Auf der Sonnenseite dagegen stehen die Ge­sund­heits­an­bieter, die die Kraft zum In­ves­tie­ren haben, sowie die auf­stre­ben­den neuen Markt­teil­nehmer, wie etwa die Ver­sand­apo­theke DocMorris. Deren Vorstand und Chief Strategy Officer Max Müller ist über­zeugt: „Der Patient ist der Treiber für den digitalen Fortschritt im Gesund­heits­wesen.“ Auch Arthur Kaindl, General Manager Digital Health Services bei Siemens Healthineers, un­ter­streicht: „Die Digi­ta­li­sie­rung im Gesund­heits­wesen bietet enorme Chancen.“

Die anstehende digitale Investitionswelle im Gesundheitswesen ist dabei nicht nur nicht aufzuhalten, sondern wird – so paradox es auf den ersten Blick klingen mag – auch mittelfristig zur Kostensenkung beitragen. So hat die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC ermittelt, dass mit der neuen, digitalen Infrastruktur hierzulande jährlich zwölf Prozent der Gesundheitskosten entfallen. Allein auf das Jahr 2016 bezogen wären das 43 Mil­li­ar­den Euro. Zudem müssen gerade die Krankenhäuser beim Thema Digitalisierung nicht alles auf eigene Faust machen. „Zu einer breiteren Strategie gehört auch die Möglichkeit, Kooperationen mit Start-ups im Digital Health-Bereich zu initiieren, um neue Lösungen für eine bessere Patientenversorgung zu entwickeln. Eine Chance, die aktuell nur ein Viertel der Kliniken nutzt“, stellt Oliver Rong fest, Senior Partner bei Roland Berger und Experte für Gesundheitsthemen .

Deutschland weist weltweit die fünfthöchsten Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit aus

Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit in ausgewählten Ländern (in US-Dollar)

Deutschland beim schnellen Surfen noch abgeschlagen. Länderranking nach Durchdringung der Haushalte mit Glasfaseranschluss in Prozent.


Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, „Gesundheitswirtschaft. Fakten & Zahlen Ausgabe 2016“

Interview mit Prof. Victor Mayer-Schönberger, Lehrstuhl für Internet Governance an der University of Oxford

Prof. Viktor Mayer-Schönberger

Aus einer großen Anzahl an Daten lässt sich auch ein große Zahl von Einsichten gewinnen. Was bedeutet das speziell für die Gesundheitswirtschaft?

Prof. Viktor Mayer-Schönberger: Das bedeutet einen rasanten Entwicklungsschub in der Me­di­zin, vor allem aber eine Individualisierung von Diagnose und Be­hand­lung zur ver­gleichs­weise ge­ringen Kos­ten. Das mag sich un­glaub­lich anhören - und bricht mit vielen tra­di­tio­nellen An­sich­ten, aber es ist eine durchaus re­a­lis­tische Vor­her­sage naher Zu­kunft.

Ist Big Data vor allem für die Diagnostik eine Chance, und lassen sich etwa durch datengetriebene Innovationen in Zukunft Krankheiten besser heilen?

Prof. Viktor Mayer-Schönberger: Durch Big Data lassen sich Krankheiten genauer diagnostizieren. Das zeigt schon IBM Watson mit seiner Fähigkeit Hautkrebs präziser zu diagnostizieren als viele Dermatologen. Aber vor allem auch die Behandlung verbessert sich: weil wir dann die richtigen Medikamente in der exakt richtigen Dosis für uns und unsere Krankheit erhalten.

Bei Google suchen viele Menschen nach Gesundheitstipps, wenn sie krank sind. Dabei entsteht ein enormes Datenaufkommen. Wie können daraus neue Geschäftsmodelle entstehen?

Prof. Viktor Mayer-Schönberger: Schon die Such­an­fra­gen der Menschen selbst geben wichtige und wertvolle Hin­wei­se. So konnte Microsoft gemeinsam mit Yahoo und Stanford aus Such­an­fra­gen eine bis dahin un­be­kannte pro­ble­ma­tische Wechsel­wirkung zweier verbreiteter Medi­ka­mente fest­stel­len. Das ist ein Stück weit so, als würde den Patienten wirklich Gehör geschenkt.

Patienten geben im Zuge von Big Data zunehmend mehr Daten von sich preis. Lassen sich Patientenschutz und Datenschutz vereinbaren?

Prof. Viktor Mayer-Schönberger: Ja, aber nur, wenn man Datenschutz den Fängen eines inhalts­leeren Zu­stim­mungs­rechts entzieht. Vertrauen entsteht nur durch ver­ant­wor­tungs­volle Nutzung der Daten­schätze, un­ab­hängig da­von, ob jemand "OK" geklickt hat oder nicht.

Wer die Daten kontrolliert, der kontrolliert den Markt. Müssen wir da nicht bei der Gesundheitswirtschaft besonders genau hinsehen?

Prof. Viktor Mayer-Schönberger: Ja. Dabei geht es nicht bloß um die Sicherstellung des Wettbewerbs, sondern auch um die Fähigkeit, innovativ zu sein. Werden Daten zentral kontrolliert, verliert der Markt auf Dauer seine Inno­va­tions­kraft. Das müssen wir gerade im Gesundheitssektor vermeiden.

Eine weitere Stellschraube, um gerade die Sozialabgaben für Versicherte und Arbeitgeber nicht ungebremst in die Höhe schießen zu lassen, ist mehr Prävention. Die „Verjüngung“ der Gesamtbevölkerung um ein Jahr durch Prävention könnte die Kosten im deutschen Gesundheitswesen um rund zehn Milliarden Euro reduzieren, hat das Researchteam um Thomas Miller errechnet. Allein die Ausgaben für Krankheiten wie Diabetes, Osteoporose sowie Krebs betrugen laut HSH Nordbank in der Altersgruppe der Menschen über 65 Jahren 2017 84,4 Milliarden Euro. Das war fast ein Viertel der gesamten deutschen Gesundheits­kosten.