Jenseits der Grenzen

Februar 2018 – Aus den einst belächelten alternativen Energielieferanten Strom und Wind sind ernsthafte Herausforderer für Kohle, Gas und Öl geworden. Doch mit der Etablierung der Erneuerbaren im Inland schwächt sich auch deren Wachstumsdynamik ab. Die größten wirtschaftlichen Chancen tun sich künftig außerhalb des deutschen Heimatmarkts auf.

Norrbotten in Schweden ist kein Ort für Zartbesaitete. Trotz ihrer Lage an der Ostseeküste verfügt die nordschwedische Provinz über ein raues kontinentales Klima. Die Temperaturunterschiede zwischen Sommer – mit einer mittleren Juli-Temperatur von 15 Grad Celsius – und Winter mit bis zu minus 14 Grad Celsius im Schnitt, sind groß. Entsprechend stark bläst der Wind jahrein, jahraus – für den Standort einer neuen Windkraftanlage der ideale Ort. Mit dem neuen Onshore-Windpark „North Pole“ entsteht in Norrbotten nicht irgendein weiterer Windenergielieferant, sondern Europas größter zusammenhängender Windpark. Im Sommer 2017 begannen die Bauarbeiten. Seine volle Leistungskraft mit 650 Megawatt wird „North Pole“ voraussichtlich 2019 erreichen. 179 leistungsstarke Windräder umfasst der Park am Ende. Geplant ist letztlich eine Stromproduktion von jährlich 2,1 Terrawattstunden. Diese Menge genügt, um weit mehr als 500.000 Haushalte für ein Jahr mit grünem Strom zu versorgen.

Energy

Starke Partner, minimierte Risiken

Die Projektsponsoren in Norbotten sind General Electric (GE) und die Macquarie Gruppe. Doch das Geld für das Megaprojekt stammt überwiegend aus einer Projektfinanzierung im Volumen von einer halben Milliarde Euro. Es ist ein gewaltiges ökologisches wie ökonomisches Vorhaben, das dank Euler Hermes aber gegen alle denkbaren politischen und wirtschaftlichen Risiken abgesichert ist.

Die HSH Nordbank gehört dem Bankenkonsortium an, unterstützt durch die Nord LB, die KfW IPEX sowie die Europäische Investitionsbank. Das Finanzinstitut rangiert sowohl nach Volumen als auch nach Transaktionen unter den Top Fünf der europäischen Finanzierer von Projekten rund um erneuerbare Energien. Aktuell hat die HSH Nordbank gut 240 Projekte im Segment Energie und Versorger sowie Bestandskredite von rund 5 Milliarden Euro in ihren Büchern. In dieser Summe sind Firmenkundenkredite eingeschlossen. Im vergangenen Jahr finanzierte die HSH Nordbank mit knapp 50 Transaktionen so viele erneuerbare Geschäfte wie noch nie – darunter waren rund 40 Projektfinanzierungen und zehn Unternehmensfinanzierungen für Hersteller, Projektentwickler, Stadtwerke oder Versorger.

Marktreife und mehr Marktwirtschaft

Der Blick von Lars Quandel, Leiter des Be­reichs Energie & Infrastruktur bei der HSH Nord­bank, geht dabei zunehmend über die deutschen Landesgrenzen hinaus: Denn die Musik in Sachen Erneuerbare Energien spielt zunehmend im Ausland. Kein Wunder: Die heimische Energiewende hat sich – allen Unkenrufen zum Trotz – längst durchgesetzt. Rund ein Drittel des nationalen Stroms entstammt bereits erneuerbaren Quellen wie Sonnen- oder Windkraft. Mit der Etablierung der Erneuerbaren in Deutschland verlangsamt sich zugleich deren Wachstumsdynamik – ein typisches und völlig natürliches Phänomen in jedem reifer werdenden Markt. Dazu kommen grundlegend veränderte Rahmenbedingungen: Die Zeit der jahrzehntelang fix garantieren Einspeisevergütungen geht zu Ende. Alternative Energielieferanten und Projektierer müssen sich jetzt in Ausschreibungen einem Bieterwettbewerb stellen. Das drückt auf die Preise und Margen. Ein Ende des Trends zum grünen Strom bedeutet das aber nicht, stellt Quandel klar: „Die stark gesunkene Vergütung in den Auktionen für neue Windenergieprojekte sowie eine steigende Anzahl umgesetzter Projekte ohne gesetzliche Förderung zeigen, dass die Branche effizienter wird und an guten Standorten bereits voll wettbewerbsfähig ist.“

Anteile der erneuerbaren Energien am Verbrauch in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr in Deutschland

Entwicklung der Anteile der Erneuerbaren Energien 2012-2016

Anteile der erneuerbaren Energien am Verbrauch in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr in Deutschland


Quelle: Umweltbundesamt/AGEE-Stat

... doch im Inland lässt die Dynamik nach, ...

Entwicklung der installierten Windleistung in Deutschland (On- und Offshore) seit 1998

Entwicklung der installierten Windleistung in Deutschland (On- und Offshore) seit 1998


Quelle: Fraunhofer IEE

Ohne Frage aber verlangsamt sich das Ausbautempo hierzulande. Was auch daran liegt, dass die windreichsten Onshore-Standorte an den Küsten und auf Berggipfeln für Energie-Windmühlen längst erschlossen sind. Außerhalb Deutschlands sieht das noch ganz anders aus. Dort fangen viele Länder erst an, dem deutschen Energiewendebeispiel nachzueifern. Gerade China und die USA etwa punkten mit deutlich höheren Wachstumsraten bei neuen Windkraftanlagen im Vergleich zu Europa. Mehr als 40 Prozent der weltweit installierten Windleistung stammen heute bereits aus Asien; Tendenz weiter steigend.

„Das Know-how aus Deutschland ist im Ausland stark gefragt.“

Lars Quandel, Leiter des Bereichs Energie & Infrastruktur bei der HSH Nordbank

Go West

Doch auch Europa dreht nach wie vor ein großes Rad. Der Mega-Windpark im schwedischen Norrbotten ist dafür das Paradebeispiel. Gerade vom Projekt „North Pole“ erhofft sich die HSH Nordbank eine Art Türöffnerfunktion für weitere Finanzierungen im skandinavischen Raum. Auch Irland zählt zu den großen ausländischen Wachstumsmärkten der Bank im Bereich Energie & Versorger. Stark im Kommen sind zudem die neu entwickelten Märkte Portugal und die Niederlande – dort hat die HSH Nordbank 2017 erstmalig Transaktionen abgeschlossen und Kredite für die Refinanzierung und Finanzierung von Solarparks zur Verfügung gestellt. Außerdem will das Finanzinstitut in diesem Jahr erneuerbare Pionierprojekte in Kanada und den USA realisieren. Die laufende Berichterstattung über die Politik Donald Trumps – und die vermeintliche Renaissance der fossilen Energien in den USA – vernebeln derzeit etwas die großen Marktchancen, die sich speziell deutschen Energieunternehmen in Nordamerika bieten. Auch in den USA führt langfristig kein Weg an Sonne, Wind und Co. als sauberen Energielieferanten vorbei.

... während die Energiewende zum Exportschlager wird

Weltweit installierte Nennleistung von Windkraftanlagen in Megawatt 2016 nach Regionen

Weltweit installierte Nennleistung von Windkraftanlagen in Megawatt 2016 nach Regionen


Quelle: Fraunhofer IEE/Global Wind Energy Council 2016

„Das Know-how aus Deutschland ist im Ausland stark gefragt“, stellt Quandel bei seinen vielen Reisen und Begegnungen immer wieder fest. Und ergänzt: „Die Begleitung deutscher Kunden ins Ausland ist für uns der Schlüssel zu weiterem Wachstum.“ Gegen die mitunter rauen Marktwinde in Norrbotten und Co. helfen Erfahrung, Zuversicht und die richtige wetterfeste Kleidung.

„Die Begleitung deutscher Kunden ins Ausland ist für uns der Schlüssel zu weiterem Wachstum.“

Lars Quandel, Leiter des Bereichs Energie & Infrastruktur bei der HSH Nordbank