Positive Wirtschafts­daten schlagen poli­tische Unsicher­heit

Bei der Veranstaltung „Zukunftsausblick – erfolgreich investieren in 2017“ diskutierten auf Einladung des Wealth Managements der HSH Nord­bank Fachleute über die wirtschaftliche und politische Lage sowie über die sich daraus ergebenden Anlagemöglichkeiten.

„Auch wenn es jetzt noch nicht so aussieht – ich kann mir gut vorstellen, dass Grossbritannien innerhalb der nächsten zwei Jahre beim Brexit noch einmal umdenkt.“

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Universität Hamburg, Transatlantic Academy Washington D.C.

Moderator Thomas Schwitalla im Gespräch mit Dr. Cyrus de la Rubia und Prof. Thomas Straubhaar (v.l.n.r.)

Moderator Thomas Schwitalla im Gespräch mit Dr. Cyrus de la Rubia und Prof. Thomas Straubhaar (v.l.n.r.)

Der Professor für Volkswirt­schafts­lehre und aus­ge­wiesene USA-Kenner, Dr. Thomas Straub­haar von der Uni­ver­sität Ham­burg, ging näher auf die Lage in Amerika ein. Zwar ver­hal­te sich Donald Trump diplo­ma­tisch un­ge­schickt, auf die Wirt­schaft wirke seine Agen­da, die von De­re­gulierung, Steuer­senkungen, der Stärkung der US-Wirtschaft sowie Infra­struk­tur­pro­jek­ten geprägt sei, indes positiv. „Die US-Noten­bank hebt die Zinsen an, weil sie die ameri­ka­nische Wirtschafts­ent­wicklung derzeit sehr positiv bewertet.“

Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender HSH Nordbank
Stefan Ermisch, Vorstands­vor­sit­zen­der HSH Nord­bank

Eine Abwendung der Eu­ro­pä­er von den USA halte er für schwierig – dazu seien die USA wirt­schaft­lich zu be­deutend. Ein Beispiel: Von den 16 wert­voll­sten Firmen der Welt kom­men 15 aus den USA – und eine aus der Schweiz: Nestlé. Was ist mit dem drohenden Pro­tek­ti­o­nis­mus: „Ich kann mir eine ver­bale Eskalation vor­stellen“, sagte Dr. Cyrus de la Rubia, Chef­volks­wirt der HSH Nord­bank. „Ich glaube je­doch nicht, dass es zu einem Handels­krieg kom­mt, denn die ame­ri­ka­nische Wirt­schaft ist weltweit stark verflochten und würde selbst darunter leiden.“

Weiteres Thema des Abends: Der Brexit. „Ich erwarte harte Ver­handlungen“, sagte Dr. de la Rubia. „Allein weil die EU an­de­ren Ländern zeigen möchte, dass ein Austritt nicht einfach zu machen ist.“ Die Folgen des Brexit, so die Meinung von Professor Straubhaar, könnten ebenso weitreichend wie ne­ga­tiv für das Vereinigte Königreich sein. „Großbritannien ist seit 1973 Mitglied der EU. Sollte das Land die EU ohne Aus­tritts­ver­trag, der besondere Rechte einräumt, verlassen, fällt es auf den Status eines WTO-Landes zurück – ohne einen einzigen Handels­ver­trag.“ Er hält deshalb auch eine ra­di­kale Kehrt­wende für möglich. „Auch wenn es jetzt noch nicht so aussieht – ich kann mir gut vorstellen, dass Großbritannien innerhalb der nächsten zwei Jahre beim Brexit noch einmal umdenkt.“

„Ich glaube nicht, dass es zu einem Handelskrieg kommt, denn die amerikanische Wirtschaft ist weltweit stark verflochten und würde selbst darunter leiden.“

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt HSH Nordbank

Diplomatische Verstimmungen zwischen den USA und Eu­ro­pa, Terror in Eu­ro­pa, Nordkorea, das mit Waffentest die Re­gion verunsichert – trotz der Turbulenzen sind die Börsen seit Jahresbeginn gestiegen. Gehören politische Aktienmärkte also der Vergangenheit an? In gewisser Weise ja, findet Professor Straubhaar. „Die großen wirt­schaft­lichen Mega­trends sind für die Börsen offen­sicht­lich wichtiger als die Politik.“ Und diese Trends, so der Ökonom, versprechen weiteres Wachstum.

Dr. Cyrus de la Rubia kommentiert

Spannende und teilweise unsichere politische Entwicklungen in den USA und Europa werden sich in den kommenden Mo­na­ten in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen be­merk­bar machen. Trump, Brexit und Populismus sind einige der The­men, die Dr. Cyrus de la Rubia an dieser Stelle kommentiert.

Brexit – der Kuchen wird kleiner

Großbritannien ist immer noch Mitglied der EU. Erst Anfang 2019 dürfte der Brexit umgesetzt und das Land außerhalb der Gemeinschaft stehen. Damit wird das BIP der EU um rund 2 Billionen Euro bzw. 14 Prozent geringer ausfallen. Die Be­völ­ke­rung wird von rund 510 Mil­li­o­nen Menschen auf 445 Mil­li­o­nen sinken, ein Rückgang um 13 Prozent. Damit geht der EU auch ein wichtiger Nettozahler verloren: Der Haushalt der EU muss in Zukunft mit 11,5 Milliarden Euro weniger Geld aus­kommen bei Gesamtausgaben von etwa 145 Milliarden Euro.

Brexit – der Kuchen wird kleiner


Bruttoinlandsprodukt 2015, Quelle: HSH Nordbank Research

Brexit – trifft vor allem den deutschen Maschinenbau

Der deutsche Maschinen­bau­sektor führt etwa 10 Prozent seiner Exporte nach Groß­bri­tannien aus. Ma­schinen­bau­pro­dukte aus unserem Nach­barland sind hingegen hierzulande nicht sonderlich gefragt. Im Ergebnis ergibt sich jährlich ein kräftiger Handelsbilanzüberschuss in Höhe von etwa 33 Mil­li­ar­den Euro. Der dürfte kräftig schrumpfen, wenn das zweit­größ­te EU-Land die Gemeinschaft verlässt. Keine guten Nach­rich­ten. Allerdings hat der deutsche Maschinenbausektor Märkte auf der ganzen Welt erschlossen und kann diese Einbußen verkraften.“

Exporte/Importe - Brexit – trifft vor allem den deutschen Maschinenbau

Exporte von Deutschland nach Großbritannien und Importe von Großbritannien nach Deutschland von Maschinen und Transportgütern in Mrd. EUR, Quelle: HSH Nordbank Research

Ausblick 2017

Die erste Jahreshälft e war hochpolitisch und die nächsten Monate werden kaum weniger spannungsreich. Die Par­la­ments­wahlen in Großbritannien und Frankreich sind für die Zukunft Europas von hoher Bedeutung. Im September wählt nicht nur Deutschland, sondern auch Katalonien geht zur Urne, um – gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid – über die Unabhängigkeit der Region zu entscheiden.

Ausblick 2017

Quelle: Finanz und Wirtschaft, mit * versehene Ereignisse: ergänzt durch HSH Nordbank Volkswirtschaft & Research

Weltkarte mit politischen Risiken (G20 und ausgewählte Länder)

Auch wenn konjunkturell die Lage der Weltwirtschaft sehr freundlich aussieht, gibt es zahlreiche Brandherde, die bei Investoren zu einer gewissen Verunsicherung führen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Syrien, Libyen und Afghanistan, sind auch die Ukraine und Venezuela als besonders instabile Länder zu betrachten. Die Un­ru­hen in Ve­ne­zu­ela, das die größten Erd­öl­re­ser­ven welt­weit hat und das in die Zahlungs­un­fähig­keit ab­zu­rutschen droht, können Rück­wirkungen auf die Welt­wirt­schaft haben.

Weltkarte mit politischen Risiken (G20 und ausgewählte Länder)

Quelle: EIU, Coface, Marsh, PRS Group, eigener Index

„Der Geldanlage erhöhte Aufmerksamkeit widmen.“

Foto der Elbphilharmonie
Foto: Maxim Schulz

Unter den Ein­ge­la­den­en: Dominik Winterling, Geschäftsführer der Stif­tung Elb­phil­har­mo­nie. Als die Stiftung Elb­phil­har­mo­nie 2005 ge­grün­det wurde, war der Zweck, finanzielle Unter­stüt­zung für den Bau des Konzert­hauses ein­zu­wer­ben. Das Ge­bäu­de steht nun – um was geht es der Stiftung jetzt?

Diese und weitere Fragen beantwortet er im folgenden Interview.

Interview mit Dominik Winterling, Geschäftsführer der Stiftung Elbphilharmonie

Dominik Winterling, Geschäftsführer der Stiftung Elbphilharmonie
„Wenn wir die Elbphilharmonie rein kommerziell betreiben wür­den, wären die Ticket­prei­se mindestens doppelt so hoch, viel­leicht noch höher.“, Dominik Winterling, Geschäftsführer der Stiftung Elbphilharmonie

Als die Stiftung Elbphilharmonie 2005 gegründet wurde, war der Zweck, fi­nan­zielle Unter­stützung für den Bau des Konzert­hauses ein­zu­werben. Das Ge­bäu­de steht nun – um was geht es der Stiftung jetzt?

Dominik Winterling: Uns geht es vor allem um zweierlei: Zum einen wollen wir den Kon­zert­be­trieb unterstützen. Das heißt, wir fördern künstlerische Projekte, die zur Po­si­ti­o­nie­rung der Elb­phil­har­mo­nie als Konzert­haus von Welt­for­mat dienen, sich aber nicht selbst tragen. Der zweite Bereich – und der liegt uns nicht minder am Herzen – ist die Musik­ver­mittlung. Die Elb­phil­har­mo­nie ist als Ort der Be­gegnung kon­zi­piert, für alle Ge­ne­ra­tio­nen, aber insbesondere für Kinder und Jugendliche. Dem­ent­sprechend groß ist das Programm, das sich speziell an Kinder, Jugendliche und Familien richtet. Diese Programme kosten wenig oder gar keinen Eintritt – müssen aber dennoch finanziert werden. Dabei ist die Stiftung ein wichtiger Partner. Gleichzeitig haben wir diverse künstlerische Anschaffungen für den Konzertbereich finanziert – alle drei Steinway-Flügel, die auf unseren Bühnen stehen und auf denen große Pianisten spielen, sind privat finanziert.

Die Nachfrage nach Karten für die Elbphilharmonie ist extrem groß. Weshalb braucht das Kon­zert­haus dennoch Unter­stützung?

Dominik Winterling: Das hat mit dem Motto der Elbphilharmonie zu tun: „Ein Haus für alle“. Wir sind ein öf­fent­liches Haus, deshalb spielt die Preis­ge­staltung eine wichtige Rolle. Es ist absolut gewünscht, ein moderates Preis­ni­veau aufrechtzuerhalten – auch bei Spitzenkonzerten. So sollen möglichst viele Menschen die Möglichkeit haben, Veranstaltungen zu besuchen. Das führt zwangsläufig dazu, dass es einen erheblichen Finanzierungsbedarf gibt – hier kommt die Stiftung mit ins Spiel.

Ließen sich am Markt nicht erheblich höhere Eintrittspreise erzielen?

Dominik Winterling: Wenn wir die Elbphilharmonie rein kommerziell betreiben würden, wären die Ticketpreise mindestens doppelt so hoch, vielleicht noch höher. Wenn man sieht, was auf dem Schwarzmarkt momentan verlangt wird, ist das schon fast absurd. Wir hätten also massiv Luft nach oben bei den Preisen – das ist aber keine Option. Wir sind ein öffentliches Haus, das für alle da ist. Die Elbphilharmonie ist kein elitärer Ort, den sich nur wenige leisten können.

Jetzt ist es ein Haus für die, die das Glück haben, eine Karte zu bekommen.

Dominik Winterling: Wie man – unabhängig vom Preis – an eine Karte kommt, ist ein anderes, derzeit sehr großes Thema. Jeder soll die Chance haben, an ein Ticket zu kommen. Deshalb verlosen wir für einige Konzerte das Anrecht, Karten zu erwerben – das erscheint uns eine gerechte Lösung.

Das Motto lautet: „Elbphilharmonie für alle“. Kommen tatsächlich verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Schichten?

Dominik Winterling: Ja, das können wir von uns behaupten. Das gilt für Konzerte genauso wie für die Musik­ver­mittlungs­pro­gramme. Wir haben einen gesell­schaft­lichen Quer­schnitt bei uns im Haus. Die Ein­tritts­barrieren sind gering, deshalb werden wir unserem Auf­trag, ein Haus für alle zu sein, mehr als gerecht.

Musikvermittlung ist ein wichtiger Baustein der Stiftung – weshalb ist Ihnen das so wichtig?

Dominik Winterling: Wir wollen Kinder und Jugendliche an Musik, die ein wichtiger Bestandteil unserer kul­tu­rellen Bil­dung ist, heran­führen. Damit kann man nicht früh genug anfangen. Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.

Wie ist die Resonanz auf die Musikvermittlung?

Dominik Winterling: Überwältigend. Egal, ob Kinderkonzert oder Trommel-Workshop, alles ist ausgebucht. Wir haben einen Familientag veranstaltet mit über 8000 Plätzen – innerhalb eines halben Tages war alles ausverkauft.

Spiegelt sich die große Resonanz auf die Elbphilharmonie auch im Spendenaufkommen wider?

Dominik Winterling: Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie ist der Kreis der Spender größer geworden, sicher auch, weil wir das aktiv betreiben. Mittlerweile geht der Spenderkreis geographisch über Hamburg hinaus. Das alles drückt sich in einem erhöhten Spendenvolumen aus.

Die Zinsen sind derzeit niedrig. Was heißt das für Stiftungen?

Dominik Winterling: Wir müssen uns mit erhöhter Aufmerksamkeit der Geldanlage widmen. Wir stehen deshalb in einem sehr aktiven Austausch mit unseren Vermögensverwaltern, zu denen auch die HSH Nord­bank gehört, die zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung zählt. Wir haben also historisch eine enge Verbindung zur HSH Nord­bank.

Inwieweit beeinträchtigen die niedrigen Zinsen die Arbeit von Stiftungen?

Dominik Winterling: Niedrige Zinsen sind ein Thema. Damit befassen wir uns, das stellt uns aber nicht vor un­lös­bare Aufgaben. Zumal wir derzeit noch in der glücklichen Lage sind, dass wir unter anderem in sehr lang lau­fen­de Rentenpapiere investiert sind, die interessante Zinsen abwerfen. Um mit niedrigen Zinsen gut umgehen zu können, braucht man Vermögensverwalter, die eine definierte Strategie konsequent umsetzen – die haben wir.