Selber öffnen – oder geöffnet werden

August 2018 – Der deutsche Gesundheitsmarkt ist eine Wachstumsstory sondergleichen. Das lockt im zunehmenden Maße neue Wettbewerber auf den Markt, die mit digitalen Geschäftsmodellen die etablierten Anbieter herausfordern. Vor welch bahnbrechenden Umwälzungen die Branche steht, welche Geschäftsmodelle dauerhaft Erfolg versprechen und warum die Gesundheit im Vergleich zur Krankheit immer noch viel zu wenig Beachtung erfährt, beleuchtet die HSH Nordbank in der aktuellen „Branchenstudie Gesundheitswirtschaft“.

Auf die Entwicklungen im Silicon Valley blicken deutsche Unternehmer meist mit einer Mischung aus Begeisterung und Bange. Begeisterung über die Dynamik, mit der im kalifornischen Tech-Mekka Ideen und Geschäftsmodelle aus dem Boden sprießen. Und durchaus mit Bange, weil das in der Folge oft die eigene Marktposition gefährden könnte. Die Gesundheitswirtschaft bildet da keine Ausnahme: Vor Kurzem wagte sich Amazon in diesen neuen Markt und gründete eine eigene Krankenkasse. Der weltweit führende E-Commerce-Anbieter glaubt, mit moderner IT- und vor allem Datentechnologie Verwaltungskosten im Gesundheitsbereich massiv senken und Therapien wesentlich effizienter gestalten zu können. Vorerst nur für die eigenen Mitarbeiter, doch Amazon-Kenner halten das nur für den ersten Testlauf. Ein Blick auf die Börse, die die Zukunft in der Regel in den Kursen von heute schon einpreist, unterstreicht diese Wahrnehmung: Nach der Bekanntgabe des Amazon-Einstiegs ins Gesundheitsfeld fielen die Aktienkurse anderer US-Versicherer deutlich.

Prävention und Gesundheitsschutz unter ferner liefen

Gesundheitsausgaben 2016 (356 Mrd. EUR) nach Leistungsarten

Gesundheitsausgaben 2016 (356 Mrd. EUR) nach Leistungsarten - Prävention und Gesundheitsschutz unter ferner liefen


Quelle: Statistisches Bundesamt

Konkurrent Apple – mit Amazon im Dauerduell um Platz eins als teuerster, börsennotierter Techkonzern der Welt – will da nicht hinten anstehen. CEO Tim Cook hat den Gesundheitssektor bereits öffentlich als einen der wichtigsten Wachstumsmärkte für sein Haus identifiziert. Ein spezieller Geschäftsbereich kümmert sich um die Entwicklung moderner Gesundheitsleistungen – wie im Fall von Amazon vorerst nur für die eigene Belegschaft. Doch dabei dürfte es auch im Fall von Apple nicht bleiben, sobald sich erste Erfolge einstellen.

Gesundheitsausgaben von einer Milliarde Euro täglich

„Die Signale aus dem Silicon Valley werden definitiv auch in Deutschland registriert“, sagt Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der HSH Nordbank. Der hiesige Markt für Gesundheitsdienstleistungen – ob beim Arzt, im Krankenhaus, in der Reha, der Massagepraxis oder der Apotheke erbracht – ist global einer der größten überhaupt. Deutschland gibt pro Tag mehr als eine Milliarde Euro für Gesundheit aus. 374 Milliarden Euro waren es insgesamt im Jahr 2017. Sieben Millionen Menschen arbeiten in der Branche, die seit Jahren dynamischer wächst als die deutsche Gesamtwirtschaft. Ein solcher Kuchen weckt Begehrlichkeiten.

Noch allerdings ist ein möglicher Einstieg US-amerikanischer IT-Unternehmen in den stark fragmentierten deutschen Gesundheitsmarkt Zukunftsmusik. Anders formuliert: Deutsche Gesundheitsanbieter – ob gesetzliche Krankenkasse, privater Versicherer, Apotheken, Krankenhäuser, Medizintechnikanbieter oder spezialisierte Dienstleister – haben es zu wesentlichen Teilen noch selbst in der Hand, sich für die Zukunft fit zu machen und damit dauerhaft am Markt zu behaupten.

Vor welchen Herausforderungen die Branche steht, wie mögliche Antworten lauten könnten und welche Geschäftsmodelle langfristig das meiste Potenzial versprechen, diskutierten 100 Experten und Führungspersönlichkeiten im Frühjahr dieses Jahres auf dem ersten „Strategietag Gesundheit“ der HSH Nordbank in der Hamburger Speicherstadt. In der jetzt veröffentlichten „Branchenstudie Gesundheitswirtschaft“ präsentiert die Bank die Ergebnisse der Vorträge und Foren.

„Die Signale aus dem Silicon Valley werden definitiv auch in Deutschland registriert.“

Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der HSH Nordbank

Big Data und Gesundheit verschmelzen

Medizin wird personalisierter, unternehmerischer, aber eben auch globaler.

Eine zentrale Erkenntnis zeigte sich in allen Meinungsäußerungen: Die Themenfelder Gesundheit und Digitalisierung verschmelzen zusehends. Mit der Folge, dass Medizin personalisierter, unternehmerischer, aber eben auch globaler wird. „Strategisches Denken hört heute nicht an der Grenze des deutschen Gesundheitssystems auf. Der Wettbewerb ist global“, sagt Sandro von Korff. Wer sich ihm nicht öffnet, wird geöffnet – und verschwindet damit vom Markt.

Dem Handelnden dagegen gehört die Zukunft. Auf dem Strategietag der HSH Nordbank präsentierten sich viele innovative Gesundheitsanbieter, die teils auf eigene Faust, teils dank der Kooperation mit etablierten Anbietern an der Zukunft des Themas Gesundheit schreiben. „Wir sehen aktuell eine Vielzahl spannender Geschäftsmodelle in der Gesundheitswirtschaft“, sagt Sandro von Korff. Nicht alle Ideen werden indes überleben. Letztlich, davon ist DocMorris-Vorstand Max Müller überzeugt, werden nur die Geschäftsmodelle überzeugen, „die vom Patienten angenommen werden“.

Gefragte Mini-Docs für Handgelenk oder Brusttasche

Absatz von "Wearables" weltweit (in Mio.)

Absatz von


Quelle: IDC 2018

Die neuen Wettbewerber und Herausforderer greifen nicht nur die Platzhirsche an – sie verändern den Markt auch strukturell. Gerade datengetriebene Techfirmen sorgen mit ihren Ideen für schlankere und schnellere Prozesse, entlasten Ärzte oder Krankenhäuser von Verwaltungs- oder Doppelarbeit – und schaffen auf diese Weise mehr Freiraum für das eigentliche Arzt-Patienten-Verhältnis. Gerade „künstliche Intelligenz ist eine Riesenchance, dem Arzt Routinetätigkeiten abzunehmen“, glaubt Dr. Arthur Kaindl, General Manager Digital Health Services bei Siemens Healthineers.

Diese Entwicklung kann nur gut sein – gerade mit Blick auf die Kostenentwicklung im Gesundheitssektor. Denn das deutsche Gesundheitssystem ist im Kern ein „unausgewogenes“ System, da es einseitig auf die Heilung von Krankheiten hin ausgerichtet ist. In Prävention oder die wichtige Früherkennung von Krankheiten fließen gerade einmal knapp drei Prozent aller Gesundheitsausgaben. Dabei weiß jeder: Frühes Eingreifen hilft dabei, die Heilungschancen massiv zu verbessern und die Kosten zu senken.

„Strategisches Denken hört heute nicht an der Grenze des deutschen Gesundheitssystems auf. Der Wettbewerb ist global.“

Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschaft bei der HSH Nordbank

Ein besseres und effizienteres Gesundheitsmanagement ist das Gebot der Zeit. Das gilt für die gesamte Branche wie für jeden Einzelnen. Die Fortschritte bei der Telemedizin oder der Genom-Sequenzierung geben den Menschen zudem immer mehr Möglichkeiten, ihre Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen. Der steigende Absatz von „Wearables“ – kleinen Messgeräten zur Verbesserung oder Kontrolle der eigenen Blut- oder Fitnesswerte – ist bester Beleg dafür.

Big Data und Gesundheit wachsen zusammen. Mehr noch: „Big Data kann uns auch gesünder machen, weil es uns erlaubt, einen besseren Match, eine bessere Passgenauigkeit zwischen unserer Person, unserem Metabolismus, unserer Krankheit und der Diagnose und der Behandlung zu erreichen. Bisher hat man Diagnose und Behandlung vor allem auf Durchschnittsbetrachtungen von Durchschnittspatienten abgestimmt. In Zukunft können wir es personalisieren. Das bedeutet nicht nur mehr Effizienz, sondern auch mehr Lebensqualität“, erwartet Viktor Meyer-Schönberger, Professor für Internet Governance und Regulierung an der Universität Oxford.

„Deutschland hat enormes Potenzial, alle notwendigen Bausteine zur Innovation stehen bereit. Jetzt liegt es an uns, daraus funktionale Produkte und Dienstleistungen für die Medizin von morgen zu konstruieren.“

Dr. Dominik Pförringer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Diese Ansicht teilt auch Dr. Dominik Pförringer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Höchste Datensicherheit sei Grundvoraussetzung, dann hätte die deutsche Gesundheitswirtschaft auch im Wettstreit mit den Techfirmen aus den USA alle Trümpfe in der Hand: „Deutschland hat enormes Potenzial, alle notwendigen Bausteine zur Innovation stehen bereit. Jetzt liegt es an uns, an mutigen Gestaltern, daraus funktionale Produkte und Dienstleistungen für die Medizin von morgen zu konstruieren.“ Auch HSH Nordbank-Experte Sandro von Korff blickt hoffnungsvoll auf die Zukunft der deutschen Gesundheitswirtschaft: „Die ganze, vielschichtige Branche bietet unglaublich viel Potenzial.“

Rasanter Pulsschlag bei Investoren

Weltweite Finanzierung von Digital Health-Unternehmen (in Mio. USD)

Weltweite Finanzierung von Digital Health-Unternehmen (in Mio. USD)


Quelle: CB Insights 2017

Branchenstudie „Gesundheit: Neue Strategien in einem wachsenden Markt“

Die Studie „Branchenstudie Gesundheit: Neue Strategien in einem wachsenden Markt“ beschäftigt sich mit den künftigen Herausforderungen für die Gesundheitswirtschaft und erläutert Lösungsansätze, wie sich die Entwicklungen strategisch einbetten lassen. Haben Sie Interesse an der Studie? Senden Sie einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Gesundheitsstudie“ an sandro.vonkorff@hsh-nordbank.com und Sie erhalten die voll­ständige Studie.